»ö ö«

wie klingt die (r)evolution?

Für Beuys war Klang ein ebenso wichtiges plastisches Material wie Fett, Filz oder Kupfer. Er war sich dessen sicher, dass man eine Plastik hört, bevor man sie sieht. Während er klassische Musik eher mit Schweinefleisch als mit Kulturgut gleichsetzte, konnte er mit der Musik von Erik Satie wie mit der Anti-Musik eines Nam June Paik viel anfangen. In einer Reihe von Playlists und Kompositionen erleben Sie hier die Musik, die Beuys hörte und die er in seinen Aktionen gemeinsam mit anderen machte, die in seinem Umfeld entstanden ist, die er prägte und bis heute noch inspiriert.

Media Accordion
Matthias Osterwold

Mozart – Schweinefleisch, Beethoven – Schweinefleisch

Musik, auch Textmusik, die Beuys beeinflusste, Musik, die er selber gemacht hat und Musik, die andere über Beuys gemacht haben: Richard Wagner, Erik Satie, Marcel Duchamp, James Joyce, John Cage, Kurt Schwitters, Nam June Paik, Henning Christiansen, Peter Ablinger, Arturas Bumsteinas, Siegfried Koepf, Richard Rijnvos...

 

trackliste:

erik satie – vexations 1 x (reinbert de leeuw – klavier)
john cage roaratorio – an irish circus on finnegans wake
erik satie – messe de pauvres: comune qui mundi nefas (martin rost – orgel)
richard wagner – parsifal: vorspiel (berliner philharmoniker – wilhelm furtwängler, 1938)
peter ablinger – piccolo und rauschen (natalia pschenitschnikova – flöte) 
marcel duchamp – erratum musical (for three voices)
john cage – music for marcel duchamp
(alexei lubimov – präpariertes klavier)
siegfried koepf – beuys goes pythagoras
henning christiansen – fluxorum organum op. 39. musik zu joseph beuys‘ eurasienstab  
(franz meiswinkel – orgel der liebfrauenkirche düsseldorf)
kurt schwitters – ursonate (kurt schwitters – stimme)
joseph beuys – ja ja ja ja ja, nee nee nee nee nee 
arturas bumsteinas spielt joseph beuys – schottische symphonie
joseph beuys / nam june paik – in memoriam george maciunas 
john cage – the wonderful widow of eighteen springs  
– nowth upon nacht

(natalia pschenitschnikova – stimme, alexei lubimov – klavier) 
richard rijnvos block beuys – raum 3 
(ives ensemble, richard rijnvos, joseph beuys – stimme)
erik satie – le fils des étoiles: prelude du premiere act 1
(alexei lubimov – klavier)

Ursula Block

»Es ist nicht so, als würde ich ständig Konzerte hören«

…es ist nicht so als würde ich ständig Konzerte hören… aber logischischerweise vieles andere, das durch die Ohren eindringt, Schafe statt Geigen, Klavier Oxygen, Sprachoperationen, das Schnurren von Paddy, Furguson, Spot und Arthur, Totenfeier für eine Maus, und Nescafé Gold, Yeah Yeah Yeah!

Mit Konrad Schnitzler, Charlotte Moorman, Nam June Paik, Henning Christiansen, Terry Fox, Carlfriedrich Claus, Emmett Williams, Jackson Mac

Low u.a.

 

Trackliste:

Konrad Schnitzler – Eruption 1

Jackson Mac Low – The Long Hot Summer

Beuys / Christiansen – Schottische Symphonie. Requiem of Art.1973 (Ausschnitt)

Terry Fox – Isolation Unit

Henning Christiansen – Abschiedssymphonie

Emmett Williams – A Cellar Song For Five Voices

Nam June Paik / Russel Connor – Waiting for Commercials

Henning Christiansen – Schafe statt Geigen

Carlfriedrich Claus – Lautaggregat

Terry Fox – The Labyrinth Scored for 11 Different Cats

Henning Christiansen – Konstruktioner

Milan Knížák & Opening Performance Orchestra

Broken Suite [2020]

milan Knížák: sound sources

Opening Performance Orchestra: electronics

Das Stück Broken Suite wird während dieses Jahres auf CD Aktual univerzita bei Sub Rosa herausgebracht.

carsten seiffarth

Klang ist Skulptur – Terry Fox

Joseph Beuys war der ansicht, man höre eine Skulptur, bevor man sie sehe. Für seinen Zeitgenossen Terry Fox ist Klang Skulptur. Fox ist ein Pionier in der Arbeit mit Klang als skulpturalem Material. In seiner Kunst wird die traditionelle Skulptur durch performatives Handeln in einer bestimmten Dauer und in einem definierten Resonanzraum erweitert – wird für Fox zur »Situation«.

Einen zumindest auditiven Eindruck solcher Situationen geben die drei hier vorgestellten Tonaufnahmen von Klangskulpturen mit langen gespannten Klaviersaiten im Raum. Die Saiten, die Fox selbst zum Schwingen bringt, sind Skulptur und Instrument zugleich, und die Klänge, die er erzeugt, sind die des Resonanzraumes ebenso wie die der gespannten Saiten.

Für »Suono Interno« (1979, Track 1) spannte Fox in einer leeren Kirche in Bologna zwei Klaviersaiten längs durch das gesamte Kirchenschiff. In dem hier erstmals veröffentlichten 14-minütigen Ausschnitt aus diesem Werk (mit großem Dank an Marita Loosen-Fox, Estate of Terry Fox) streicht Fox, sehr langsam durch den weiten Resonanzraum zwischen Kirchenportal und Krypta gehend, mit den Fingern die beiden kolophonierten Saiten. In den beiden folgenden Aufnahmen aus dem Künstlerhaus Bethanien in Berlin (Track 2 und 3) bespielt er lange Klaviersaiten zunächst perkussiv minimalistisch mit einem Eßstäbchen, dann mit einem geharzten Geigenbogen, wodurch ein wechselndes stark resonierendes Ein- und Ausschwingen der Saiten im Raum entsteht. Alle Klangaufnahmen sind Ausschnitte aus mehrstündigen Performances.

 

trackliste:

Track 1: Suono Interno [Bologna 1979] – 14:24 Min.

Track 2: Attic Wire, Beating [Berlin 1981] – 24:44 Min.

Track 3: Attic Wire, Bowing [Berlin 1981] – 15:07 Min.

Wolfgang Müller

Die Tödliche Doris: Das typische Ding Reenactment (I)

Die Tödliche Doris könnte als eine unsichtbare Skulptur beschrieben werden, von der Beuys oft sprach. Doris hat keinen Körper. Sie bildet sich 1980 als Post-Punkband mit unterschiedlichen Besetzungen, verflüssigt sich 1987 in Weißwein und feiert ihr Comeback 2018 mit der LP-Box Reenactment – Das Typische Ding: 31 Sounds, 31 Zeichnungen und 31 Rezensionen von 31 unterschiedlichen Vibratoren. Doris selbst, nun in Gestalt vieler einzelner Sex-Toys bleibt abwesend.

 

trackliste:

Einführung

VibratingBullet / RO-80mm Ammunition for love

Better Than Chocolate

Tiani 2

Getaway

Rave

Flare

Cayona

Penguin

Tango Smartvibe

Rub my duckie

Motorhead Overkill

Phoenix Magma Toy

Iris

Partner plus

Womanizer 2Go

Susan Philipsz

Beuys und die keltische Welt

»Ich ging 1994 nach Belfast, um einen MA in Bildender Kunst an der University of Ulster zu beginnen. Ich wusste, dass Joseph Beuys in den 1970er Jahren auch in Belfast gewesen war und dass er einen großen Einfluss auf meine Tutoren hatte, die zu dieser Zeit Studenten gewesen waren. Ich glaube, dass sein Besuch die Art und Weise, wie Kunst in Belfast gelehrt wurde, verändert hat, mit einer stärkeren Betonung von Performance und sozialpolitischen Themen und ortsspezifischen Ansätzen. Ich weiß auch, dass die keltische Welt einen großen Einfluss auf Beuys hatte. Er wurde von der Natur und der Mythologie des westlichen Schottlands, Irlands und Englands inspiriert. Ich dachte, ich würde in diese Welt eintauchen, um eine Playlist für beuysradio zusammenzustellen. Ich habe eine Auswahl meiner Lieblingssänger aus verschiedenen Generationen getroffen, mit Liedern, die Themen von Natur und Landschaft, von Mensch- und Tierwelt und von Liebe, Verlust und sozialer Gerechtigkeit berühren.« Susan Philipsz

 

Trackliste:

Robert Burns –The Highland Widow's Lament

Alasdair Roberts – Pangs

Radie Peat and Darragh Lynch (Lankum) – Hares on the Mountain

Alasdair Roberts – River Rhine

Elizabeth Cronin – Lord Gregory

Anne Briggs – Reynardine

Alasdair Roberts – Under No Enchantment

Shirley Collins and the Albion Band – The White Hare

Luke Kelly and Dave Philips – Wild Mountain Thyme

Alasdair Roberts – Coral and Tar

Shirley Collins – My Bonny Cuckoo

Thibaut de Ruyter

Schamanismus und Strom

Diese Playlist konfrontiert Beuys’ Verständnis von Schamanismus mit ethnologischer Musik und zeitgenössischen Kompositionen. Das zentrale Stück dieser Playlist ist »Ström« des schwedischen Künstlers Carl Michael von Hausswolff. Für dieses Stück verstärkt und transformiert Hausswolff den Klang reiner Elektrizität auf subtile Weise. Es geht um Energie, Körperlichkeit und Körnung – und erinnert dabei an die winzigen Sensoren, die in »Unschlitt/Tallow« (1977) von Beuys eingesteckt sind und uns glauben lassen, dass das Wachs energiegeladen ist und wir aufpassen sollten, keinen Stromschlag zu bekommen, wenn wir uns dem Kunstwerk nähern.

 

trackliste:

Pan Sonic – Paine

David Toop, Mabutawi Teri – Rain Song

Raushan Orazbayeva & Tokzhan Karatai – Bashpai »Elim-Ai, Halkym-Ai« (Korkyt) (X-Xi Century)

Cosey Fanni Tutti, Split – From The Album Tutti

Daniel Schmidt And The Berkeley Gamelan – Rebab Delay

Carl Michael Von Hausswolff – Ström

Galya Bisengalieva – Tulpar

Kali Malone – Sacrificial Code (Live In Hagakyrka)

Holger Czukay – Breath Taking (With Karlheinz Stockhausen)

´Monks Of The Gandantegchinlen Monastery – Office Du »Qailangiyn Qural«

Joseph Beuys – Sonne Statt Reagan

Unknown – Kyrgyzstan - Koukou (Kiguatch Coz Komouz)

Miki Yui

Plant Music 

Die elektroakustische Komposition ist inspiriert von einer frühen Zeichnung von Beuys, »Pflanze« von 1947. Hier impliziert »Pflanze« nicht nur die Mutter aller Organismen auf der Erde, sondern auch das Verb »pflanzen«, und Musik ist der Übermittler und der Transformator in den wechselnden Fluss von Zeit und damit verschränktem Raum. »Plant Music« lädt den Hörer in eine imaginäre Welt in der Morgendämmerung ein – der Prozess des Wachsens eines Samens, umarmt von Erde, Wasser, Luft und Licht, die Kommunikation zwischen Mikroorganismen wird greifbar.

Anna Schürmer

ALLES FLIEßT oder: »Musik ist eine Botschaft aus der Zukunft«

Fluxus ist die Kunst des hybrid Fließenden, das ästhetische Panta rhei der Prozessualität. Und auch für das Werk von Joseph Beuys gilt: »Alles fließt«. Diese Playlist mäandert zwischen den Avantgarden und Pop – und mündet in einem popavantgardistischen Crossover aus »U« und »E«: »Ü-Musik« also – und eine kleine Überraschung steuert auch der Beuys-Schüler und Frequenzenforscher Emil Schult und seine Transhuman Art Critics mit einer Originalkomposition zu »beuys 2021« bei. Falls Sie beim Hören den »erweiterten Kunstbegriff« auf formalästhetischer Ebene erfahren wollen: Lassen Sie doch diese knapp einstündige Playlist parallel mit dem gut einstündigen Klavierduett laufen, das Joseph Beuys gemeinsam mit Nam June Paik 1978 »In memoriam George Maciunas« performte – oder aber die Simultanperformance der beiden Fluxus-Heroen von Coyote III / Pianovariation (1984).

 

trackliste:

Avantgarden

John Cage – Williams Mix

Phil Corner – Piano Activities

Nam June Paik/Charlotte Moorman – Waiting For Commercials

Dieter Schnebel – Bagatelle #6, Trauermarsch (für Joseph Beuys

Pop

The Velvet Underground & Nico – femme fatale

Jefferson Airplane – Lather

John Lennon – Instant Karma! (We All Shine On)

POPAVANTGARDE

Henk Badings – Evolutions (Ballet Suite) #1 Ouvertüre

Kraftwerk – Ruckzuck

Die Partei (Walter Dahn) – Tag An Der Grenze

Conrad Schnitzler – Magic Party

Joseph Beuys – Sonne statt Reagan

Martin Kippenberger – ja ja ja ja ja, nee nee nee nee nee

BONuS TRACK

Transhuman Art Critics – Originalkomposition für »beuys2021«

Stefan Schneider

Elektronische Musik 1977 – 1986

»Wenn man sich für musikalische Dinge interessiert, sollte man nicht Klavier spielen.« (Joseph Beuys)

Dieser Mix zeigt eine Auswahl von Tracks, die in den vielfältigen Energieströmen der Zeit von 1978 – 1986 in Westdeutschland produziert und veröffentlicht wurden und neue, weitreichende musikalische Impulse gesetzt haben, die bis heute international wirksam sind.

Ab den späten 70er Jahren waren elektronische Musikinstrumente, wie Synthesizer und Rhythmusmaschinen, erstmalig günstig zu kaufen und inspirierten viele, die keinerlei musikalische Vorkenntnisse hatten, dazu, sich futuristisch anmutenden Klangexperimenten hinzugeben. Der gleichzeitig explodierende, musikalische Aufbruch des Punk, traf auf ein neues selbstbestimmtes und selbstbewusstes Forschen und Aufführen in allen Bereichen der gegenwärtigen Kunst.

Joseph Beuys war in dieser Zeit durch seine begriffliche Präzision und seine ganzheitlich gesellschaftliche Neuordnung, einer der wichtigsten Impulsgeber im Bereich der bildenden Kunst. Künstlerische Tätigkeit wurde, ähnlich wie im Punk und der elektronischen Musik, nicht mehr an handwerkliches Können geknüpft sondern strebte nach einer kompletten Neubestimmung der Verhältnisse und vollzog dadurch einen klaren Schnitt zum damaligen Kunstverständnis.

Brian Eno sagte 1975 sinngemäß dazu: »Der Musiker heute, ist kein ausgebildeter Instrumentalist mehr, sondern ein Künstler der Entscheidungen trifft.«

An der Durchsetzung dieses neuen Künstlerbildes hatte auch Joseph Beuys entscheidenden Anteil.

 

trackliste:

Loch (Joseph Beuys 1981, in der Kunsthalle Düsseldorf) Tonaufnahme Stefan Schneider, 2010

Conrad Schnitzler – Rhythmus 78

Ralf Dörper – Kranke Menschen

Konrad Kraft – Arctica 3

Michael von Biel – Fassung Elektronische Musik

Asmus Tietchens – TREKK

Maria Zerfall – Wohin?

Palais Schaumburg – Morgen wird der Wald gefegt (Live)

MENTOCOME – B6

CHBB – MauMau

SEESSELBERG – Synthetik 1

Ettlinger – bzw

Reiko Kudo – Noise

Kurzschluss – L’ inconnu

Deux Baleines Blanches – Draht 6

Dino Oon – map

Roter Stern Belgrad – Arfas & Issas

Arsalan Mohammad

Beuys keep swinging

Beuys Keep Swinging ist eine einstündige radiophone Odyssee aus zeitgenössischer und alter Musik und Geräuschen, die die vielen Stimmungen von Joseph Beuys würdigt. Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Sonne. Von Kojoten bis hin zu Krautrock, dies ist eine immersive Überschall-Sound-Extravaganza!

 

trackliste:

Todrick Hall – I Like Boys

David Bowie – Boys Keep Swinging

Charlie XCX – Boys

Simone Battle – He Likes Boys

Erik Satie – Gnossienne No 1

The Waitresses – I Know What Boys Like

Crosby, Stills, Nash & Young – Teach Your Children

Monza – Rauf und Runter

Orchestral Manoeuvres In The Dark – Electricity

Joseph Beuys – Sonne statt Reagan

Sabrina – Boys (Summertime Love)

Can – I Want More

Joni Mitchell – Coyote

Organization – Ruckzuck

The Beatles – Boys

Fernanda Parente

»Die Idee der Musik ist eine mehr zukünftige«

Wie wird Musik in der Zukunft klingen? Wird der nächste Popstar ein künstlicher Mensch sein? Werden Wissenschaft und Technologie die Komposition bestimmen? Werden Audio und Video im Metaverse untrennbar miteinander verbunden sein? Diese Playlist zeigt zeitgenössische Künstler*innen, die einige dieser Fragen in ihrer kreativen Praxis erforschen. Mensch-Maschine-Natur-Symbiose, akustische Instrumente, die elektronisch klingende Beats produzieren, Virtual-Reality-Headset-Aufnahmen... dies sind einige der Aspekte, die diese Zusammenstellung durchdringen. Sie erforschen unerforschte Gebiete und spekulieren über mögliche musikalische Zukünfte.

 

trackliste:

Byrke Lou – Earth

Moritz Simon Geist – In g# (Katze läuft über Klavier)

Brandt Brauer Frick – Masse

Holy Herndon – Frontier

Peaches & Pussykrew – Fill the Whole

Ash Koosha – GUUD

Yona – Art and Law

Tarik Barri & Lea Fabrikant – Versum

Nanotopia – Mycelial Networks between Reality